Am 10. und 11. März 2026 fand die Abschlussveranstaltung des Projekts Materi-A-Net: Material als Akteur in den transkulturellen Netzwerken zwischen Frankreich und Deutschland im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit am Bureau de Recherches Géologiques et Minières (BRGM) in Orléans statt. Im Rahmen des Workshops wurden die Projektergebnisse mit den Projektpartnern aus den Bereichen Kunstgeschichte, Museen, Geologie und Bildhauerei diskutiert und in einem Webinar der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Projekt unter der Leitung von Prof. Dr. Aleksandra Lipińska (Universität zu Köln) und Dr.-Ing. Wolfram Kloppmann (BRGM) wurde von 2022 bis 2026 im Rahmen des ANR-DFG-Förderprogramms für deutsch-französische Forschungsprojekte in den Geisteswissenschaften gefördert.

Das CCeH-Team (Tobias Mercer, Jonathan Blumtritt) stellte die Projektdatenbank Materi-A-Get vor. Als eines der zentralen Projektergebnisse bringt die Datenbank Ergebnisse kunsthistorischer und geochemischer Analysen zu rund 400 Werken, Akteuren und Materialquellen der Alabasterkunst im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit zusammen. Programmierung und Implementierung (Mercer) und Synthese von Modellierungsansätzen der Digital Humanities (Mercer, Blumtritt) waren dabei ebenso entscheidend wie eine fachlich fundierte Datenkuration (Undine Dömling, Mona Simon). Die Datenbank, die als Beta-Version veröffentlicht wurde, möchte das interessierte Publikum zu Anregungen und Kritik einladen. Das Feedback wird in die abschließenden Arbeiten im verbleibenden Förderzeitraum einfließen.
Die am BRGM verfeinerte Methode zur Erstellung eines isotopischen Fingerabdrucks („isotopic fingerprinting“) legte die Grundlage für die Zuordnung der Werke zu deren Materialherkunft, die sich in vielen Fällen auf konkrete historische Steinbrüche zurückverfolgen ließ (Kloppmann). Mit der Nahinfrarotspektroskopie wurde eine mobile und nicht-invasive Methode zur Unterscheidung von Marmor und Alabaster eingeführt. Diese Methode hat das Potenzial, zu einem vergleichsweise niedrigschwelligen Werkzeug für die weitere Differenzierung von Materialprofilen des Alabasters weiterentwickelt zu werden (Kloppmann, Olivier Rolland).
Die innovative Verbindung kunsthistorischer Bewertungen mit geologisch-geochemischer Analyse eröffnete eine Sichtweise auf das Netzwerk der Akteure, bei der die Rolle und Handlungsmacht des Materials selbst sichtbar wird. In einer Pilotstudie zu den Werken des unbekannten Meisters des Rimini-Altars und stilistisch nah verorteten Kunstwerken aus dem sog. „Rimini-Kreis“ konnte gezeigt werden, dass alle Kunstwerke, die in der Forschung mit großer Sicherheit der Werkstatt des unbekannten Künstlers oder seiner Schule zugeschrieben wurden, aus einer spezifischen fränkischen Materialquelle stammen (Lipińska, Kloppmann). Das Projekt lieferte damit neue Impulse zur Einordnung verschiedener Hypothesen zur Lokalisierung der Werkstatt des unbekannten Künstlers.
In einer zweiten Pilotstudie konnten in Vergessenheit geratene historische Steinbrüche in der Umgebung von Metz lokalisiert und als Ursprung des Materials von Werken u. a. im Mosel-Rhein-Gebiet identifiziert werden (Lipińska, Kloppmann, Dömling). Mit detektivischer Akribie wurden Hinweisen aus Quellen nachgegangen und in Begehungen vor Ort verifiziert. Die Verbreitung des lothringischen Alabasters zeichnet einen historischen Kultur- und Wirtschaftsraum zwischen Lothringen und Rheinland nach und macht gleichzeitig erkennbar, welche Rolle der Zugang zu den Materialquellen des beliebten Werkstoffes selbst in der höfischen Repräsentation des 16. Jahrhunderts spielte.
Eine Studie zum „Ruthenischen Alabaster“ untersuchte historische Steinbrüche in der Ukraine und Polen. Diese bilden aus geologisch-geochemischer Sicht eine einheitliche Gruppe, d. h. dass sie einen isotopischen Fingerabdruck teilen (Uliana Naumenko, Maria Dèzes-Naumenko, Lipińska, Kloppmann). Die einzelnen farbigen Varietäten lassen sich jedoch gut visuell voneinander unterscheiden. Die Bestimmung der Isotopensignaturen für die ukrainischen Vorkommen erlaubt die Verifizierung der kunsthistorischen Hypothesen bezüglich der Herkunft einzelner Kunstwerke und somit auch die Feststellung, dass das Material bereits um 1400 verwendet wurde. Mit der Erweiterung des Vorhabens um das ukrainische Teilprojekt wurde der Mehrwert einer perspektivischen Ausweitung des Vorhabens in einer europäischen Dimension greifbar.
In einer experimentellen Studie wurden historische Bearbeitungstechniken an einer Auswahl von Alabasterarten aus den historischen Steinbrüchen erprobt. Die Untersuchungen geben Hinweise darauf, welcher Techniken und Werkzeuge sich die Künstler bedienten (vor allem hinsichtlich einer Präferenz für Holz- bzw. Steinbearbeitungstechniken) und inwiefern sich die Alabasterarten in ihrer Bearbeitung unterscheiden (Bildhauer Thomas Hildenbrand).

Das Projekt wurde begleitet und unterstützt von zahlreichen Akteuren aus dem Bereich der Restaurierung, darunter Sophie Jugie (ehem. Direktorin der Abteilung Skulpturen des Musée du Louvre, Paris), Lise Leroux (Ingenieurin am Laboratoire de recherche des monuments historiques, Champs-sur-Marne), Marjan Debaene (Kuratorin am Museum M Leuven) und Harald Theis (Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main). Nicht zuletzt weckte das Projekt auch Interesse von Laienforschern und lokalen Geschichtsvereinen, die im Sinne einer Citizen Science mit Ortskenntnis und Detailwissen maßgeblich zur Kartierung der historischen Steinbrüche im fränkischen Raum beigetragen haben.
Die Datenbank stellt Ergebnisse aus den multidisziplinären Untersuchungsschwerpunkten nebeneinander und in Beziehung zueinander. Die Daten sind als offene Forschungsplattform mit komplexen Abfragemöglichkeiten und Visualisierungen verfügbar und werden dabei helfen, Thesen zur Alabasterkunst aus einer materialorientierten Perspektive zu überprüfen oder neu zu denken.
Die interessierte Leserschaft laden wir dazu ein, die Datenbank (Beta) Materi-A-Get zu testen und (kritisches) Feedback zu geben.